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AK-Presseaussendung zur Evaluierung vom 9.11.2015

Psychische Krankmacher in der Arbeit – Wirtschaft säumig

Über eine Million Menschen in Österreich, Erwerbstätige und früher Erwerbstätige, haben arbeitsbedingte Gesundheitsprobleme: 488.000 Frauen und 533.000 Männer. Schwere körperliche Arbeit verursacht immer noch die meisten arbeitsbedingten Erkrankungen. Aber immer mehr Beschäftigte klagen über Überlastung und Stress. Die psychischen Krankmacher in der Arbeit verursachen auch exorbitante Kosten. Deshalb ist die Evaluierung von psychischen Belastungen am Arbeitsplatz gesetzlich vorgeschrieben.

Erst 21 Prozent der Unternehmen erfüllen die gesetzliche Vorgabe

„Bisher erfüllen aber noch viel zu wenige Betriebe diese gesetzlich vorgeschriebene Fürsorgepflicht“, kritisiert AK Präsident Rudi Kaske und sieht die Unternehmen dringend gefordert: „Die Durchführung der Evaluierung psychischer Belastungen ist nicht nur eine gesetzliche Verpflichtung für die Betriebe, sondern auch eine Win-Win-Situation für ArbeitgeberInnen und ArbeitnehmerInnen. Für die Beschäftigten werden gesunde Arbeitsbedingungen geschaffen, für die Unternehmen entstehen weniger Kosten, da die Zahl der Krankenstände sinkt, die Fluktuation abnimmt und die Produktivität zunimmt.“

2014 vermerkten bereits 65 Prozent der im Zuge der Erstellung des Strukturwandelbarometers (IFES im Auftrag der AK Wien) befragten BetriebsrätInnen einen Anstieg des Zeitdruckes innerhalb eines Halbjahres und 60 Prozent gaben einen Zuwachs der Flexibilitätsanforderungen im Unternehmen an. Aber das Strukturwandelbarometer ergab auch, dass viele Unternehmen bei der gesetzlich vorgeschriebenen Evaluierung der psychischen Krankmacher säumig sind. Erst 21 Prozent der Unternehmen haben diese durchgeführt, bei 24 Prozent ist die Evaluierung erst in Planung. Bezogen auf Unternehmen mit Betriebsrat haben bisher lediglich rund ein Viertel der Unternehmen Maßnahmen zur Reduktion oder Beseitigung der schädlichen Belastungsquellen eingeleitet.

Arbeitsbedingte psychische Belastungen nehmen drastisch zu

Die gesamtwirtschaftlichen Kosten der arbeitsbedingten psychischen Belastungen in Österreich belaufen sich auf rund 3,3 Milliarden Euro jährlich. Arbeitsbedingte psychische Belastungen nehmen drastisch zu und machen nachweislich krank. Sie machen bereits ein Drittel jener Diagnosen aus, die zu einer Berufsunfähigkeits- oder Invaliditätspension führen.

„Es herrscht akuter Handlungsbedarf. Die Betriebe haben zwei Jahre Schonfrist für die Evaluierung psychischer Belastungen gehabt. Das ist mehr als genug, wenn es um die Gesundheit der ArbeitnehmerInnen geht. Bei der Gesundheit von Menschen am Arbeitsplatz kann und darf es keine Kompromisse geben“, fordert Kaske:

Forderung
  • die sofortige Umsetzung der gesetzlich vorgeschriebenen Arbeitsplatzevaluierung psychischer Belastungen durch die ArbeitgeberInnen
  • strengere Kontrollen durch das Arbeitsinspektorat mit empfindlichen Sanktionen bei Verstößen
  • die Aufstockung des Personalstandes in den Arbeitsinspektoraten

Psychische Krankmacher in der Arbeit – was sie kosten

„Arbeit darf nicht krank machen“ war die Erkenntnis zahlreicher Analysen, die dazu führten, dass im Jahr 1995 das ArbeitnehmerInnenschutzgesetz in Kraft getreten ist. Im Vorfeld klagte die Wirtschaft, dass ihr durch das Gesetz nur immense Kosten erwachsen und der administrative Aufwand in keinem Verhältnis zum Erfolg stehe würde. Aber das Gesetz wurde zur Erfolgsgeschichte: Die Arbeitsunfälle mit Todesfolge konnten in den Folgejahren von 294 (1994) auf 113 (2014) gesenkt werden, die Zahl der Arbeitsunfälle insgesamt von 164.469 (1994) auf 104.625 (2014), die betriebswirtschaftlichen Kosten von über 542 Millionen auf rund 345 Millionen Euro und die volkswirtschaftlichen Kosten von über zwei Milliarden auf 1,3 Milliarden Euro reduziert werden. Mit den Veränderungen in der Arbeitswelt haben sich aber auch die krankmachenden Faktoren in der Arbeit verändert. Mittlerweile ist anerkannt, dass psychische Erkrankungen als Folge von Arbeitsbelastungen auf dem Vormarsch sind. Im Zeitraum von 1994 bis 2013 sind psychiatrische Krankheiten von rund einer Million auf über 3,5 Millionen Krankenstandstage angestiegen, was rund 230 Prozenten entspricht.

  • Beschäftigte ohne arbeitsbedingte Belastungen weisen im Schnitt pro Jahr nur 0,8 Tage krankheitsbedingter Arbeitsausfälle auf. Treten arbeitsbedingte psychische Belastungen auf, erhöht sich die Zahl der Arbeitsausfalls-Tage auf 3,3. Knapp sechs Ausfalls-Tage sind es, wenn psychische und physische Belastungen zusammentreffen.
  • 32 Prozent aller Neuzugänge in die Berufsunfähigkeits- und Invaliditätspensionen erfolgt aus psychischen Gründen.
  • Krankenstände aufgrund arbeitsbedingter psychischen Belastungen dauern länger und die gesamtwirtschaftlichen Kosten belaufen sich auf 3,3 Milliarden Euro jährlich.

Was wen im Job krank macht

Frauen leiden unter anderen arbeitsbedingten Beschwerden als Männer – der psychische Druck in der Arbeit macht allen zu schaffen. Klagten 2007 noch 33 Prozent von 100 Männern und 24 von 100 Frauen über psychische Belastungen, stiegen die Zahlen bis 2013 auf 41 Prozent bei den Männern und 35 bei den Frauen. Bereits 40 Prozent (1,7 Millionen) aller Erwerbstätigen klagen über zumindest ein Risiko für psychische Probleme an ihrem Arbeitsplatz. Zeitdruck bzw Überbeanspruchung werden dabei am häufigsten genannt (über 38 Prozent). Verglichen mit den Daten aus 2007 bedeutet das einen Anstieg von fast einem Drittel – von 29 auf 37 Prozent (Statistik Austria 2014).

Im Europavergleich ist Österreich bezogen auf die Qualität des Arbeitsumfeldes deutlich unterdurchschnittlich. Laut der OECD sind hierfür vor allem die langen Arbeitszeiten und hoher Zeitdruck verantwortlich. Österreich belegt bei diesen Indikatoren nur den 27. Rang von 32 erfassten OECD-Ländern. Kommt es nicht zu Verbesserungen des Arbeitsumfeldes, drohen nach Einschätzung der OECD erhöhte Burnout-Raten, Depressionen und andere stressbedingte physische und psychische Krankheiten.

Die sieben häufigsten arbeitsbedingten Erkrankungen in Österreich:

  • Rücken: 180.000 Männer, 150.000 Frauen
  • Nacken, Schultern, Arme, Hände: 79.000 Männer, 114.000 Frauen
  • Hüfte, Beine, Füße: 96.000 Männer, 70.000 Frauen
  • Depressionen: 28.000 Männer, 32.000 Frauen
  • Stress: 28.000 Männer, 30.000 Frauen
  • Herz: 32.000 Männer, 13.000 Frauen
  • Lunge/Atemwege: 31.000 Männer, 14.000 Frauen
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