Europäische Wertestudie: Work – Life – Balance wichtig in Österreich

Die ÖsterreicherInnen setzen immer stärker auf eine gelingende Balance von Berufs- und Privatleben. Das zeigt die „Europäische Wertestudie“, die an der Universität Wien erhoben wurde. In den Einstellungen zu Familie und Rollenbildern zeigen sich Beständigkeit und Veränderung zugleich.

Die ÖsterreicherInnen sind sehr zufrieden mit ihrem Leben. Das haben die ersten Ergebnisse aus der „Europäischen Wertestudie 1990 – 2018“ (European Values Study – EVS) gezeigt. Nun ist auch der zweite Teil der Studie veröffentlicht worden. Dieser widmet sich den Themen Arbeit, Beruf, Familie und Partnerschaft. Die Studie wurde vom Forschungsverbund „Interdisziplinäre Werteforschung“ der Universität Wien veröffentlicht.
Die „Europäische Wertestudie 1990 – 2018“ ist eine Langzeituntersuchung, die Einstellungen und Werthaltungen der Bevölkerung zu den Themenfeldern Arbeit, Familie, Politik und Religion untersucht. Die EVS wurde nach 1990, 1999 und 2008 im ersten Halbjahr 2018 zum vierten Mal durchgeführt, ihre Stärke ist somit der Vergleich über mittlerweile fast 30 Jahre. (Mehr Informationen)
Arbeit und Beruf

In Österreich hat sich ein tiefgreifender Wandel des Arbeitsmarkts vollzogen: Gegenüber 2005 gibt es im Jahr 2017 um 400.000 Arbeitsplätze mehr. Die Erwerbsbeteiligung von Frauen hat stark zugenommen (1985: 51% – 2017: 72%), ebenso die Ausweitung weiblicher Teilzeitbeschäftigung (1985: 16% – 2017: 47%). Die Zahl der Beschäftigten in atypischen Jobs steigt.

Vor diesem strukturellen Hintergrund ändern sich die Einstellungen der ÖsterreicherInnen zu Arbeit und Beruf: Arbeit verliert gegenüber anderen Lebensbereichen ihre zentrale Bedeutung (sehr wichtig 1990: 62% – 2018: 48%), gleichzeitig verschwimmen die Grenzen von Arbeit, Freizeit und Familienzeit. Angenehme Arbeitszeiten (1990: 35% – 2018: 69%), die Möglichkeit, Initiative zu ergreifen (1990: 42% – 2018: 55%) und Verantwortung zu übernehmen (1990: 45% – 2018: 50%) werden für die persönliche Arbeitsorientierung wichtiger.

In Bezug auf den Zugang zur Erwerbstätigkeit nehmen die ÖsterreicherInnen liberalere Positionen ein: Der Aussage, dass bei Jobknappheit Männer gegenüber Frauen (1990: 50% – 2018: 15%) oder ÖsterreicherInnen gegenüber ZuwanderInnen (1990: 78% – 2018: 52%) bevorzugt werden sollen, stimmen immer weniger Menschen zu.

Familie, Partnerschaft, Geschlechterverhältnisse

Hinsichtlich der Erwartungen an eine gute Ehe oder Partnerschaft werden Treue (81%) und Kinder (60%) konstant als die beiden mit Abstand wichtigsten Faktoren genannt. Seit 1990 deutlich angestiegen ist die Wichtigkeit einer guten ökonomischen Basis einer Partnerschaft.

Aus Sicht der ÖsterreicherInnen sollen Kinder im Elternhaus vor allem Verantwortungsgefühl und gute Manieren (beide rund 80%), Toleranz und Unabhängigkeit (beide rund 70%) lernen. Die hohe Wichtigkeit dieser Eigenschaften ist seit 1990 weitgehend konstant geblieben; Erziehungsziele, die Autonomie fördern, sind im Zeitvergleich wichtiger geworden.

Die Geschlechtsrollenvorstellungen haben sich in den vergangenen Jahrzehnten deutlich von traditionellen Rollenbildern entfernt. 2018 lehnen beinahe 70% der Befragten die Aussage ab, dass es die Aufgabe des Mannes sei, Geld zu verdienen und jene der Frau, sich um Zuhause und Familie zu kümmern. In Bezug auf die Berufstätigkeit von Frauen bzw. Müttern zeigt sich aber die starke Wirksamkeit der Vorstellung von guter Mutterschaft: Zwar sinkt die Zustimmung zur Aussage, dass „ein Kleinkind wahrscheinlich darunter leidet, wenn die Mutter berufstätig ist“ im Zeitvergleich markant, dennoch stimmen ihr heute noch die Hälfte der Österreicherinnen und Österreicher (1990: 83% – 2018: 53%) zu. (sb)

Die Europäische Wertestudie ist ein Projekt des Forschungsverbunds „Interdisziplinäre Werteforschung“ der Universität Wien unter der Koordination von Christian Friesl vom Institut für Praktische Theologie. Die Studie wurde mit finanzieller Unterstützung des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft und Forschung von einem Team unter der Leitung der Politikwissenschafterin Sylvia Kritzinger durchgeführt. Eine Buchpublikation ist für das Frühjahr 2019 geplant.

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